Aufgrund schlechten Wetters und hohem Seegang fällt unser heute vorgesehener Besuch von Santa Barbara leider aus. Das Schiff wäre vor Anker gelegen und wir wären mit Tender-Booten an Land gebracht worden. Nun werden wir morgen Dienstag ein wenig früher in San Francisco ankommen. Ich nutze daher die Zeit, um ein wenig über den allfälligen Nutzen (oder Schaden) des globalen Tourismus, und im Speziellen des Kreuzfahrt-Geschäftes, zu philosophieren. Im Vorfeld unserer Reise erzählten wir vielen Personen, auch im weiteren Bekanntenkreis, von unseren Plänen. Dabei kamen ebenfalls grundsätzliche Fragen, rund um Kreuzfahrten, die auch wir uns stellten, zur Sprache. Zum Beispiel die Thematik rund um das ökologische Gewissen. Oder aber die extrem divergierenden Verhältnisse -, zum einen das prächtig Leben auf dem Schiff zum anderen bei Landausflügen das kurzzeitige Eintauchen in bescheidene Lebensverhältnisse von Bewohnern in Drittweltländern.
Alternativ hätten wir durchaus Zuhause bleiben können samt Überweisung einer grosszügigen Spende an eine NGO, die sich um Entwicklungshilfe kümmert. Hand auf’s Herz; Wer in aller Welt unterliegt einem dermassen extremem, altruistischen Duktus? Zudem wäre eine solche Aktion stets verbunden mit der Hoffnung, dass die absolute Mehrheit der jetzt hier an Bord Anwesenden sich gleich verhalten hätte. Wäre dem so gewesen, befände sich die SS Mariner heute nicht auf einer Tour rund um die Welt. Die Realität sah jedoch vor 2 1/2 Jahren, als sich das Buchungsfenster für diese Reise öffnete, völlig anders aus. Denn es dauerte damals gerade mal 3 Stunden, bis alle Plätze vergeben waren. Gleiches mit dem Hinflug nach Miami. Jeder Platz war besetzt.
Nein, im Gegenteil. Wir Kreuzfahrer, wir Langstreckenreisende sind äusserst aktive Entwicklungshelfer und tragen mehr zum Abbau der Differenz zwischen arm und reich bei als jede Spende an eine NGO. Dank uns geht es Hunderttausenden von Familien deutlich besser. Lasst mich erklären warum. Mein „KI-Bot“ sagt auf meine diesbezügliche Frage, es seien weltweit 345 Millionen Menschen direkt oder indirekt vom Tourismus abhängig. Ich kann das nicht schlüssig beurteilen. Besser verstehe ich die Situation in der Kreuzfahrt-Industrie. Bei derzeit ca. 400 im Dienst stehenden Kreuzfahrtschiffen, weltweit, arbeiten insgesamt gegen 175‘000 Personen aus Schwellenländern auf solchen Schiffen (die Mehrheit aus den Philippinen, es folgen Indien, Malaysia, Indonesien und weitere asiatische Länder). Sie können bei freier Kost und Unterkunft 95% ihres Salärs nach Hause überweisen und ermöglichen damit ihren Familien ein Leben im – auf die lokalen Verhältnisse umgemünzt – unteren Mittelstand. Klar; die lange Abwesenheit von Daheim (6 Monate im Dienst, 2 Monate Ferien) ist sicherlich belastend. Das Wichtigste jedoch: Dank ihres Jobs, ermöglicht durch uns zahlende Reisende, können sie ihren Kindern die Schule und weitere Ausbildungen finanzieren. Es soll ihnen – den Kindern – einmal besser und einfacher gehen, vielleicht können sie als Erwachsene im Land bleiben und dort dank höherer Bildung etwas Beständiges aufbauen. Ohne uns als „aktive Entwicklungshelfer“ wären solche Vorhaben völlig illusorisch.
Daher als Fazit mein Plädoyer für einen möglichst weltumspannenden, liberalen Tourismus-Austausch; offene Grenzen und Verminderung von behördlichen Schikanen wie z.B. Visa etc..
Natürlich hat der Tourismus auch Schattenseiten. Zum einen leidet der CO2 – Ausstoss (Bei der Schifffahrt stammen allerdings 97% von Frachtschiffen und nur 3% von Kreuzfahrten) und zum Anderen gibt es Abhängigkeiten und partiell auch Ausbeutung (z.B. Diskriminierung von Frauen). Auf einer Skala von 1-10 wären aus meiner Sicht die negativen Auswirkungen mit einer 3 zu bewerten und die Positiven dementsprechend mit einer 7. Lasst uns also weiterhin die Welt entdecken und erforschen: Zumal man stets mit einem sehr viel breiteren Horizont zurück nach Hause kommt.
